Bericht “Teufels Geiger” in FIGHTERS Ausgabe 11.06

Legenden und Gerüchte
Der virtuose Umgang mit einem Instrument macht den Meister eines Fachs aus, das ist gewiß nichts Neues.

Aber wenn´s dann noch ein wenig sagenhaft wird, ranken sich um den betroffenen Spezialisten schnell Legenden.
Der Teufelsgeiger Paganini und seine del Gesú-Geige ist zum Beispiel solch ein Fall.
Er nannte sein geliebtes Instrument zärtlich ”die Kanone” - von welcher der zeitgenössische Musikus-Kollege Franz Liszt allerdings dreist behauptete, sie sei mit dem Gedärm Paganinis eigenhändig gemeuchelter Ex- Geliebten bespannt....

Ähnliches Thema, andere Baustelle - rund 200 Jahre später: Michael Geiger alias Mr. Geiger Motorsport und seine virtuos angerichteten Kawa-Spezialitäten.

Sagenhaft waren schon Michaels Pisten-Auftritte, beispielsweise als er anno´99 Thunderbike-Champion auf Lendens nackiger Zett wurde- Herr Geiger spielte also eben diese als Nummer Eins im Feld und vergeigte auf Frankensteins Tochter quasi die komplette Konkurrenz...

Die nackte Kanone
Schnelle Kawa-Eisen sollten Michael Geiger auch weiterhin beschäftigen.
Seit die traditionell grünen Japaner den unheimlichen ZX12R-Marschflugkörper in die Schaufenster stellten, kümmert sich Michael ums sinnvolle Pimpen der 300-Sachen- Flitsche - zu Fahrwerk, Motor und Gewicht fiel dem Perfektionisten doch noch so einiges ein. Denn hier ist nicht der Wunsch Vater des Gedankens, sondern Erfahrung und fundiertes Wissen ums schlummernde Potential: In Sachen ZX-12R Tuning gehört Michael tatsächlich zu den triebtätigen Pionieren - wer fährt mit solch einem Gerät schon Rennen? Denn das Ding ist zwar Mitglied im exklusiven 300er-Club, aber für sportive Zwecke von Haus aus einfach ein wenig zu mollig um die Hüften.
Fast ein Zentner Unterschied zum Standard moderner Supersportler sind nun mal kein Pappenstiel ...

Trotzdem focht das unseren Team Green-Maniac nicht weiter an, denn der legte sich mit dem XXL-Gestühl unter anderem mit der Konkurrenz vom Schlage einer R1, ZX10R oder auch jüngsten K-Modellen der 1000er Gixer-Fraktion an: Die Open X-treme-Klasse macht´s möglich - dabei sprangen in den letzten Jahren ausschließlich Podestplätze in der Endwertung heraus, anno 2003 war´s sogar der Klassensieg.

Die hier vorgestellte Geiger SP12-F Variante ist ein nackter Ableger mit TÜV und Straßenzulassung - aber das Teil ist in der Tat eine Kanone: Der mit knapp 250 Kilo ehemals etwas pummeligen Wuchtbrumme fehlen trotz legalem Status glatte 20 Kilo.
Das geht nicht nur auf´s Konto fehlender Plastikbarock-Spielereien, sondern ist das Ergebnis vieler Detaillösungen. Beispielsweise sind Stummel und Rasten von ultraleichter Güte und stammen vom Filigran-Spezialisten BKG.

Von gleicher Herkunft ist das Gabelbrücken-Pärchen, das neben niedernötigender Optik auch mit einem technischen Extrabonbon aufwartet: Die geilen Dinger verfügen über ein variables Off-Set, bei Bedarf kann hier also mit dem Nachlauf experimentiert werden - denn handlingsfördernde Maßnahmen sind bei Kawas dicker Ninja nicht unbedingt sinnlos.
In die gleiche Richtung zielt das optionale Räderwerk, in Geigers SP rollen PVM-Schmiederäder. Hier summiert sich der rotierende Gewichtsvorteil insgesamt auf rund drei Kilo.

Fahrwerk & Motor
Als Kawasakis Ingenieure den ZX-12R Rahmen auf Kiel legten, beschritten Sie technisch neue Wege. Denn ein Serien-Krad mit Monocoque-Rahmen hatte es bis dahin noch nie gegeben. Das tragende Element fällt relativ schmal aus und erlaubt eine pistenfreundliche Ergonomie. Geile Sache, doch schon bei den federnden Komponenten grätschte Michael gleich wieder supernd dazwischen: Für die Front wählte er eine USD-Gabel aus dem Hause Marzocci mit fundamentalen 50er Standrohren, die rückwärtig mit einem Wilbers-Federbein der Competition-Serie sehr feinfühlig harmonisiert. Beim Austarieren des Setups wurde übrigens großer Wert auf optimiertes Handling gelegt - für den Rundstrecken-Routinier eine Fingerübung.

Die Sache mit dem Motor sah dagegen schon etwas komplizierter aus. Schließlich ist die Serienverkleidung des Boliden ein elementarer Bestandteil der Airbox-Beatmung: Stichwort Ram Air - die staudrückende Umleitung des Fahrtwinds in Richtung Ansaugtrakt macht bei höherem Speed immerhin einen zweistelligen Unterschied aus.
Tja, und kein Ram Air bedeutet auch keine Extrapferde - trotzdem drückt Geigers nackte SP-Ninja üppige 180 Pferde auf die Rolle.

Das war selbstverständlich nur mit modifizierenden Kunstgriffen zu erreichen, die allesamt aber trotzdem nichts mit der direkten Motormechanik zu tun haben: Per Micron-Hardware wurde erst mal dem Gaswechsel auf die Sprünge geholfen. Durchsatzfreudiges Auspuffen gelingt mittels Hydratec-Hitech, ein Querschnitt-optimiertes Krümmergeweih entläßt sämtliche Druckwellen in eine EG-schalldämpfende Ovali-Tüte.

Beste Voraussetzungen also für ein manipuliertes Einspritzmapping, das ebenfalls mit einem typisch micronsesischen Kleinod gelang: Die Vorzüge des unheimlichen Power Commanders kamen zum Zug. Im Ergebnis einer exakten Abstimmung kommen schließlich ätzende 132 Newtonmeter bei knapp 8000 Umdrehungen als Spitzenwert zum Vorschein. Newtons 100er Marke wird bereits bei 4000 Touren geknackt.

Angesichts dieser Werte machte der Einsatz einer kleinen Zauberkiste ungemein Sinn, denn die serienmäßige Blackbox vereitelt richtig witzige Drehmonet-Pikes schon in den unteren Gängen - der doofen Spaßbremse schlug Michael per Stöpsel-Modul ein Schnippchen: Das SP(aß)-Pack jubelt der elektrischen Leitzentrale einfach falsche Drehzahlwerte unter, und schon greifen programmierte Drosseln nicht mehr.

Theoretisch fällt damit auch die 300 Sachen Sperre flach - der wahre Topspeedwert wird in diesem Fall schlicht und ergreifend nur vom natürlichen Gleichgewicht der Kräfte geregelt: Wer hat die größte Ausdauer im Orkan des Fahrtwinds?



[Hendrik]

Mit freundlicher! Genehmigung von FIGHTERS

Diesen Artikel downloaden